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Abschied von den Eltern

Kaum war ich auf der Welt, kaum war ich geboren worden, da starb ich auch schon wieder.

Ich war da, aber niemand sagte mir, wer ich bin, was ich bin, dass ich bin. Kein "das bist du!"

Alles, was ich sah, waren Figuren in Eile, die in meinem Blickfeld auftauchten und wieder eilends verschwanden. Ich selbst war zu klein, um meinen Kopf zu heben und um über den engen Rand meines Blickfelds zu sehen.

Es gab lange Phasen, in denen nichts geschah. Nichts regte sich. Nichts tauchte in meinem Blickfeld auf. Und so war lediglich ein grau-bläuliches Etwas zu sehen, eine verschwommene, milchig-neblige Fläche, beleuchtet von einem matten Licht. So matt, dass ich begann, mich nach der Wärme und dem Trost der absoluten Dunkelheit zu sehnen. Lieber blind sein, als der Trostlosigkeit und der Langeweile ins Auge zu sehen, die von Gestalten erzeugt wird, die nicht bei mir sind.

Weil sie zu beschäftigt sind. Mit Dingen, die ich nicht verstand und die nicht in meiner Welt vorkamen.

So blieb ich allein. In meiner eigenen Welt. Ich lernte, still zu sein. Regungslos zu sein. Es hatte ja doch keinen Zweck. Habe ich jemals gelächelt? Ich weiß es einfach nicht, denn es lächelte niemand zurück. Habe ich jemals geweint? Ich weiß es nicht, denn es erfolgte weder ein Trost noch eine Schelte. Alles, was war, alles, was ich tat, es blieb ohne Antwort.

Ich lernte deshalb zu warten. Und enttäuscht zu werden.

In welche Welt war ich da geraten? Der Abwesenheit? Eine Welt der vorbeihuschenden Figuren, der verhuschten Schatten, die mir immer und konsequent eine Antwort schuldig blieben?

Eine Welt der Selbstverständlichkeit, in der mein Verständnis für mein Selbst in Gänze allein mir selbst überlassen wurde?

Eine Welt, in der meine Geburt eine selbstverständliche Nebensächlichkeit sein sollte, die alsbald sogar zu einer lästigen Bürde geriet.

Denn Vater floh. Und für Mutter war ich nun ein Zuviel. Ein Überschuss, ein Rest, eine Erinnerung an schlechte Erfahrungen.

Ich war nun ein Abbild eines folgenschweren Fehlers. Die personifizierte, fleischgewordene Manifestation eines Bedauerns. Eine Rechnung, die zu den eigenen Ungunsten ausfiel. Ein Kalkül, das nicht aufgegangen war.

Eine Erinnerung an eigene Versäumnisse und an die eigene Schuld. Aber wenn ich schon da war, warum dann nicht die Schuld von sich auf mich abwälzen?

Wäre ich von vornherein nicht da gewesen, wäre alles besser gewesen, nicht wahr? Da es dir, Mutter, nun so schlecht geht, ist es meine Existenz, die dich daran hindert, dass es dir besser geht, nicht wahr?

Es tut mir leid, Vater.

Es tut mir leid, Mutter.

Was ich für euch war, bedeutet die Nichtigkeit meiner Existenz. Meinen Tod. Für dich, Vater, war ich eine Überforderung und ein Grund zur Flucht. Für dich, Mutter, war ich ein Zuviel, das nur noch als Abfalleimer für deinen eigenen, nie verarbeiteten seelischen Müll dienen konnte.

Das sind eure Antworten auf meine Frage: Wer bin ich? Was bin ich?

Deswegen sage ich: es tut mir leid. Mit euren Antworten lässt sich kein Leben führen.

Adieu, Vater.

Adieu, Mutter.

Ich begebe mich nun auf die Suche nach anderen Antworten.

3.12.15 18:19, kommentieren

Die Banana-lität des Bösen

Die Banane kann für vieles stehen. Auf Anhieb fallen mir folgende Assoziationen ein:

Ausrutschen. Die dubiosen Geschäftspraktiken eines Multikonzerns. Eine geschälte Gurke. Dildo-Ersatz. Ankleiden eines Präservativs. (Rassistische) Beschimpfungen beim Fußball.

Usw.

Als Nahrungsmittel mochte ich Bananen noch nie. Warum weiß ich auch nicht so genau. Das war schon seit frühester Kindheit so, also als ich noch nichts von Multikonzernen, der DDR, Geschlechtsverkehr, Schwangerschaftsverhütung oder vom Fußball wusste.

Allein schon der Duft, den eine geschälte Banane verströmt, reicht aus, um bei mir einen Brechreiz auszulösen.

Als ich mit drei Jahren in einen Kinderhort kam, machte deshalb meine Mutter die Erzieherinnen darauf aufmerksam. Wenn als Obstbeilage Bananen für die Kinder vorgesehen sind, sollte ich doch einfach keine bekommen.

Die Erzieherinnen dachten aber nicht daran. Wenn Bananen an die Kinder verteilt wurden, so hatten diese auch ohne Ausnahme verzehrt zu werden. Also versuchte ich, meine Banane zu essen. Der Brechreiz und das Ekelgefühl waren aber zu stark. Wenn ich ein Stück abbiss, musste ich dieses Stück wieder ausspucken.

Die Erzieherinnen bestanden aber darauf. Sie sagten mir, dass ich den Tisch nicht verlassen dürfe, solange ich nicht meine Banane vollständig aufgezehrt habe.

Während die anderen Kinder wieder beim Spielen waren, saß ich also weiter am Esstisch und schob Überstunden. Ich ging folgendermaßen vor: Ich biss ein Stück ab, kaute etwas darauf herum und kämpfte gegen das Übelkeitsgefühl an so gut es ging. Sobald aber der Brechreiz zu stark wurde, spuckte ich den Bissen wieder aus. Schließlich wollte ich nicht mitsamt dem Bananenstück das gesamte Mittagessen wieder auskotzen.

Dann nahm ich das ausgespuckte Stück wieder in den Mund. Der Vorteil: nach jeder Wiederaufnahme schmeckte das Bananenstück weniger nach Banane. Irgendwann konnte ich dann den Bissen herunterschlucken.

Diese (zugegebenermaßen umständliche) Prozedur wiederholte ich, bis die ganze Banane verzehrt war. Das Ganze war auch körperlich sehr anstrengend. Das Ankämpfen gegen das aufkommende Übelkeitsgefühl. Der nicht zu kontrollierende Brechreiz, der einem die Tränen in die Augen schießen und den Hals sowie den Magen zusammenkrampfen lässt.

Während der ganzen Zeit saßen immer mindestens zwei Erzieherinnen bei mir und beobachteten mich. Sie sprachen dabei abschätzig über mich. Sie sprachen nicht mit mir, sondern lästerten unter sich über mich.

Sie mochten mich nicht. Ich war für sie ein Sonderling, der – zum Beispiel – auf sonderliche Weise seine Banane aufaß. Aber das war nicht der eigentliche Grund.

Als Alleinerziehende ging meine Mutter einer Beschäftigung nach. Sie kam oft zu spät, wenn sie mich vom Kinderhort abholte. Ich erinnere mich, wie ich immer wieder noch lange alleine im Hort gewartet habe, lange nachdem die anderen Kinder schon weg waren.

So bekam ich immer mit, wie die Erzieherinnen, die dann noch dageblieben waren, sich über meine Mutter empörten. Was sie sich den erlaube. Was sie für eine Mutter sei. Dabei warfen sie mir böse Blicke zu.

Es war eine bösartige und hämische Art des Redens. Eigentlich war es Geschwätz. Komischerweise konfrontierten die Erzieherinnen meine Mutter nie direkt.

Schon merkwürdig, woran ich mich so erinnere. Bananas, eben.


16.11.15 18:19, kommentieren